Valentinstag – Sonnenuntergang auf dem Schloss

Der Sonnenuntergang ist wunderschön. Ein Flugzeug fliegt starr geradeaus, eine makellose Gerade. Verliebte Pärchen sitzen mit Decke auf einer Bank, das Mädchen eine Rose in der Hand.

Auf den Straßen blinken die Autolichter bis in die Ferne, eine Lichterkette entlang des Flusses.

Ich höre Vogelgezwitscher.

Richtung Mannheim sieht man ein Kraftwerk Rauch in den Himmel pusten.

Ich habe mir heute spontan einen neuen Rucksack gekauft. Stolz betrachte ich die leuchtenden Farben. Ich lehne oben an der Schlossmauer, neben einem Mann der fotografiert. Ich warte auf das Ende des Sonnenuntergangs. Auf den Schlussakt mit den rosa Wolken.

Ab und zu blicke ich in mein Buch. Ich lese die Tagbücher von Etty Hillesum. „Halte das Festland vor Augen und plätschere nicht hilflos im Ozean herum“, schreibt sie. Ein guter Vorsatz denke ich…

Die Sonne ist weg und der Himmel ist wolkengold. Es wird kalt. Na dann laufe ich mal wieder zurück in die Stadt.

In meinem Kopfradio läuft „Bluebird“ von Lola Marsh.

„Can I be free as a bluebird in the open sky I’ll fly high

To be free from my fears is the only wish I have”

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A traveller’s thoughts


It’s difficult and frightening

To walk without directions

I walk half blind

I follow signs,

For roads you won’t imagine

I feel distressed

Left or right

Or turn around

Keep forward

Moving back

I’m no sort of person

that knows her way yet

This is what I do:

I’m waking every morning

Taking my steps

To views that look fine

I’m breathing in

The flowers’ colours

The summer wind

I’ll make the moment mine

It can’t be wrong

To turn left

Or turn right

As long as I keep going on

Keep following the light

Ich bin 13. Es ist Sommer. Ein heißer August. Draußen lockt die Nacht. Wir haben die Hotelanlage verlassen und streunen zum Strand.

Wie bedrohlich klatscht das Meer gegen den Felsstrand von Kroatien. Auch ohne Sonnenlicht kann man das Kiri sehen, eine gelbe Stegfläche beim Meer.

Nachts zum Kiri gehen, das ist unser Plan. Wir, das sind ich und meine neuen Freunde.

Der Wind und die Wellen erzählen von Freiheit und Abenteuer.

Die Sterne von zu Hause beleuchten eine neue Welt.

Ich bin glücklich und ein bisschen traurig.

Das ist es. Das ist das Leben und es ist wunderbar!

…Doch bald ist der Urlaub vorbei und ich werde diese coolen Leute nicht mehr sehen und wer weiß wann ich wieder in Kroatien bin.

Aber…aber JETZT bin ich DA und dieser Augenblick ist einfach perfekt.  

Paradiesbilder

Wenn ich mein altes Kinderalbum anschaue, dann denke ich, dass das, das Paradies gewesen sein muss.

Damals waren ich und meine Cousins und Cousinen und Großcousinen dicke Freunde. Es gibt Fotos, da halten wir Händchen und spielen miteinander. Heute gelingt es, mit etwas Überwindung, dass wir uns von der anderen Seite des Tisches höfliche Blicke zusenden.

Und die Erwachsenen?
Auf meinen bunten Kinderfotos haben meine Großeltern noch gelächelt. Und die jungen Eltern? Sie sehen aus wie ein Team, mehr als Verpflichtung. Auf meinen alten Kinderfotos sind die Eltern von Norbert und Christian noch nicht gestorben. Auf meinen alten Kinderfotos habe ich meinen Geburtstag gefeiert. Auf meinen alten Kinderfotos habe ich mit Jungs und Mädchen gespielt, die ich heute nicht mehr kenne.

Auf meinen alten Kinderfotos gibt es keine Sorgen und keinen Kummer, zu spüren ist nur dieser Drang, alles zu erkunden und alles zu ertasten, eine versteckte schüchterne Angst, auch nur irgendetwas zu verpassen auf diesem kunterbunten Planeten mit den liebenswerten, verletzlichen und interessanten Menschen.

Taizé-Madrid (5)

Teil 5:

Feliz ano nuevo!

Das neue Jahr wurde in der Kirchengemeinde gefeiert. Es ist eine spanische Tradition um Punkt Mitternacht und bei jedem weiteren Glockenschlag dieser Minute, eine Traube zu essen. Wir standen alle da mit unseren vorbereiteten Tellern. Ich war sehr darauf konzentriert mit den Trauben hinterher zu kommen, so dass ich das Wünschen dabei völlig vergessen habe.

Überraschenderweise sind wir gar nicht nach draußen gegangen, um das Feuerwerk zu sehen. Die Party fand drinnen statt. Jede Nation führte etwas auf. Am kulturell ärmsten war wohl der deutsche Beitrag. Wie sangen das „Fliegerlied“  („Und ich flieg flieg flieg wie ein Flieger…“) und tanzten dazu. Die Österreicher präsentierten den Wiener Walzer. Die Serben tanzten Polka. Die Ukrainer packten die Gitarre aus und sangen ein nationales Volkslied. Die Spanier zeigten einen Tanz in schicken roten Kleidern. Ungarn und Polen hatten ebenfalls einen Gruppentanz in Petto. Schon komisch, gibt es keine deutsche Tradition, die man auf einem Fest präsentieren kann, außer Fasnacht und Mallorca-Schlagern?

Wirklich die einzige Idee, die mir in den Sinn kam, sind unsere Nationalspieler, die nach dem WM-Sieg auf der Fanmeile „Humbatäterä“ machten. Aber Weltmeister waren wir ja gar nicht mehr.

Zum deutschen Ländertreffen bin ich nicht. Tausende von Deutschen versammelt an einem Platz in Madrid, klingt für mich wie eine Bedrohung. Aber verraten habe ich mein Vaterland nicht. Zum schwedischen Ländertreffen bin ich nämlich auch nicht gegangen, obwohl Martin bemerkte, dass ich ja sowieso schon eine halbe Schwedin wäre.

Stattdessen machte ich mir einen schönen Nachmittag alleine im Park, umringt von vielen kunterbunten Nationen.

Und das ist das schöne und besondere an Taizé. Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen, Traditionen und Sprachen kommen zusammen und erleben Gemeinschaft, beim Essen, beim Singen der Taizé-Lieder, beim Beten in der Stille, oder durch unser Erkennungszeichen: den weißen Taschen, mit denen wir durch die Stadt gepilgert sind.

Das Treffen in Madrid war ein europäisches Treffen, vorrangig mit Ländern aus Europa. In Taizé selbst trifft man das ganze Jahr über Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Erde. Argentinien, Kongo, Neuseeland…Vielfalt wird als Bereicherung gesehen.

Taizé-Madrid (4)

Teil 4:

Über einen Zeitraum von vier Tagen war Madrid besetzt von Taizé, von 15.000 Menschen zwischen 18 und 35 Jahren aus ganz Europa. Ein Erkennungsmerkmal waren die weißen Stofftaschen, die wir überall mithin schleppten. Sie waren Eintrittskarte und Lunchbeutel in einem.

Von diesen 15.000 habe ich vermutlich alle gesehen, die ich schon mal gesehen haben muss. Verena, die auch in Freiburg studiert hat, Martin aus Tschechien, mit dem ich im August Frisbee gespielt habe. Rita aus Lissabon, die im August mit ihrem Freund in Taizé war. Dann die ganzen Freiwilligen vom November und Mai und August, sie sind immer noch da, oder schon wieder. Selbst einen deutschen 10Jährigen Jungen, den wir im Park verpflegt hatten, weil er aus der Nase blutete, haben wir zwei Mal wieder gesehen, beim Abendgebet auf dem Messegelände und beim Mittagsgebet in der großen Kathedrale in der Innenstadt. Er war mit seinem großen Bruder dabei.

Trotz des straffen Taizé-Programms habe ich viel von Madrid gesehen. Es ist eine sehr lebhafte Stadt. In den U-Bahngängen und selbst in der Metro spielen Straßensänger. Auch in den Parks, bei den schönen Aussichtspunkten, immer wieder Musik. Natürlich auch Weihnachtsmusik. Die Spanier haben ihre Bescherung noch vor sich, nämlich am 6. Januar.

Schon sonderbar. Ich liege auf dem Gras, unter Palmen und blauem Himmel. Die Sonne brennt ins Gesicht, auf der Wiese wachsen Gänseblümchen. Spanier und Touristen und Taizé-Pilger liegen im Gras, lachen, essen Chips, rauchen, schießen Fotos. Am Geländer die Skyline von Madrid und aus den Boxen läuft Feliz Navidad.

Taizé-Madrid (3)

Teil 3:

Die spanische Kirchengemeinde ist toll. Das Taizé-Gebet findet im Keller statt. Er ist dunkel und mit Teppichen ausgelegt. Dazu Kerzen. Eine warme, ruhige Atmosphäre. Oben im Kirchensaal (?) findet der Gottesdienst statt. Volles Haus, spanischer Lobpreis mit flotten Liedern, Klatschen und einem schon etwas älteren strahlenden Pfarrer mit viel Temperament. Gleich drei Gottesdienste werden an diesem Sonntag in dieser Gemeinde angeboten.

Gemeinde: San Hilario de Poitiers: http://san-hilario.es/

 

Zurück zum Taizé-Messegelände (Foto:Halle 4, dort findet das Gebet statt). Wir stehen an für das Abendessen. Da kommt wieder Simon aus Göteborg um die Ecke gepfiffen. Nein, dieses Mal entkommst du mir nicht. Ich spreche ihn auf Schwedisch an und erwähne letzten August. Er erinnert sich vage und bekommt fast ein bisschen Angst, weil ich noch wusste aus welcher Stadt er kommt: Göteborg (Wie könnte ich so etwas nur vergessen). Immerhin wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr seinen Namen. Wir machen es uns bequem auf dem Boden der Taizé-Speisehalle. Martin setzt sich noch dazu, ein weiterer Schwede, der in derselben Familie wohnt wie Simon. Ich plaudere munter drauf los und vergesse nebenbei zu essen. Das macht nichts, denn das ist der Moment, mein Taizé-Moment. Ich treffe jedes Mal Schweden in Taizé. Ich erzähle vom Schwedischen Verein und dass wir in Heidelberg auch Lucia, ein schwedisches Adventsfest, feiern, dass wir sogar um den Weihnachtsbaum getanzt sind. Simon und Martin sind amüsiert darüber wie verrückt ich bin. Sie fragen ob ich sie von nun an stalken werde. Ich lehne ab, zum Schluss tauschen wir Facebook-Kontakte aus.